Aus dem Blog

Positive Affirmationen:
warum sie allein nicht funktionieren.

„Ich bin genug. Ich bin erfolgreich. Alles fügt sich." Fühlt sich kurz gut an, und kippt beim ersten stressigen Gedanken. Das ist kein Disziplinproblem. Es liegt am Verfahren: Überschreiben funktioniert nicht. Überprüfen schon.

Positive Affirmationen sind der Dauerbrenner der Selbsthilfe-Welt: Sag Dir oft genug, dass Du genug bist, und irgendwann glaubst Du es. In diesem Artikel geht es darum, warum positive Affirmationen allein nicht ausreichen, und was Du tun kannst, damit das, was Du Dir zusprichst, nicht nur ein schöner Satz bleibt, sondern tatsächlich eine Erfahrung in Deinem Leben wird.

Wenn Du lieber hörst statt liest: Im Video gehe ich das Argument einmal komplett durch.

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Im Video spreche ich unter anderem darüber:

  • warum positive Affirmationen allein nicht funktionieren,
  • warum sie sich trotzdem gut anfühlen können,
  • wie stressige Gedanken Dich aus dem „Affirmierten" zurück in den Mangel holen,
  • warum Du in Deinem Kopf erst aufräumen musst, und wie das geht,
  • und wie Affirmationen danach als neue Referenzerfahrungen dienen können.

Warum Affirmationen sich gut anfühlen, und trotzdem nicht halten

Erst mal: Affirmationen sind kein Unsinn. In dem Moment, in dem Du Dir einen freundlichen Satz sagst und ihm für ein paar Sekunden glaubst, fühlst Du Dich tatsächlich besser. Gedanken erzeugen Gefühle, das gilt für angenehme Gedanken genauso wie für stressige. Deshalb kann eine Affirmations-Praxis sich am Morgen richtig gut anfühlen.

Das Problem beginnt danach. Denn die stressigen Überzeugungen, die der Affirmation widersprechen, sind ja nicht weg. Sie liegen unter der neuen Schicht und warten auf ihren Auftritt. Spätestens wenn die erste unbezahlte Rechnung, die erste Kunden-Absage oder der erste Blick aufs Konto kommt, feuert der alte Gedanke, „Es reicht nicht", „Ich schaffe das nicht", und mit ihm das alte Gefühl. Und schon bist Du wieder genau in dem Mangel-Zustand, aus dem Dich die Affirmation herausheben sollte.

Ein Gedanke, den Du wirklich glaubst, schlägt jeden Satz, den Du Dir nur vorsagst.

Der Kern des Problems: Überschreiben statt überprüfen

Eine Affirmation versucht, einen stressigen Gedanken zu überschreiben, ohne ihn je ernst genommen zu haben. Das ist, als würdest Du ein schönes Bild vor eine schimmelige Wand hängen: Der Raum sieht kurz besser aus, aber an der Wand hat sich nichts geändert. Der alte Gedanke bleibt intakt, und er hat meist Jahre an gefühlten Beweisen auf seiner Seite, während die Affirmation gerade drei Wochen alt ist. In diesem Kräftemessen gewinnt fast immer der alte Gedanke.

Genau deshalb fühlen sich Affirmationen für viele Menschen irgendwann hohl an: Ein Teil von Dir spricht den Satz, ein anderer Teil widerspricht leise im Hintergrund. Solange dieser Widerspruch unbearbeitet bleibt, affirmierst Du gegen Deine eigenen Überzeugungen an, ein Kampf, den Du mit Wiederholung allein nicht gewinnst.

Erst aufräumen, dann affirmieren

Was stattdessen funktioniert: Räum zuerst in Deinem Kopf auf, im Video nenne ich das Deinen „Space of Mind". Aufräumen heißt nicht, die stressigen Gedanken zu bekämpfen oder wegzudrücken. Es heißt, sie einzeln ernst zu nehmen und zu überprüfen: Ist das überhaupt wahr? Was macht dieser Gedanke mit mir, wenn ich ihn glaube? Wer wäre ich ohne ihn?

Für genau diese Überprüfung gibt es ein nüchternes, schriftliches Verfahren: The Work von Byron Katie vier Fragen und die Umkehrungen. Der Unterschied zur Affirmation ist grundlegend: Du legst nicht einen neuen Satz über den alten, sondern Du schaust Dir den alten so lange ehrlich an, bis er seine Selbstverständlichkeit verliert. Ein stressiger Gedanke, der der Prüfung nicht standhält, muss nicht mehr überschrieben werden, er trägt schlicht nicht mehr.

Falls Du selbständig bist, kennst Du die Kandidaten für diese Prüfung vermutlich gut: „Ich muss immer erreichbar sein", „Wenn ich kürzertrete, bricht alles zusammen", „Es reicht nie". Welche Gedanken Selbständige typischerweise auf Trab halten und was dagegen hilft, habe ich im Ratgeber zu Stress bei Selbständigen ausführlich aufgeschrieben.

Ein Beispiel: „Ich habe genug"

Nimm eine klassische Affirmation wie „Ich habe genug". Wenn darunter der Gedanke „Es reicht nicht, ich muss mehr leisten" unangetastet weiterläuft, wird jede Mahnung, jeder volle Kalender, jeder Vergleich mit anderen den alten Gedanken bestätigen, und die Affirmation überstimmen.

Drehst Du die Reihenfolge um, ändert sich das Spiel: Erst überprüfst Du „Es reicht nicht", ehrlich, schriftlich, mit den vier Fragen. Wenn dieser Gedanke seine Wucht verliert, braucht „Ich habe genug" keinen Kraftakt mehr. Der Satz stößt auf keinen inneren Widerspruch, er darf einfach wahr sein.

Affirmationen als Referenzerfahrungen

Wenn der Weg frei ist, bekommen positive Affirmationen eine neue, ehrlichere Rolle: Sie sind dann keine Beschwörung mehr, gegen die Dein Verstand rebelliert, sondern Erinnerungen an etwas, das Du tatsächlich erlebst. Jeder Moment, in dem sich „Ich habe genug" nicht mehr falsch anfühlt, wird zu einer neuen Referenzerfahrung, einem echten Beleg, auf den Dein Denken zurückgreifen kann. So herum tragen Affirmationen: nicht als Ersatz für die innere Arbeit, sondern als ihr Ergebnis.

Kurz gesagt: Nicht lauter affirmieren. Erst überprüfen, was dem Affirmierten entgegensteht, dann darfst Du dem schönen Satz auch glauben.

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